Von Psyche bis Prostatakrebs: Können Enthaltsamkeit oder Maßlosigkeit schädlich sein?

Jeder Mann kennt es: Ein Samenerguss kann das Wohlbefinden erhöhen: Danach ist man entspannter, eventuelle Schmerzen sind milder, man schläft besser oder die Stimmung ist aufgehellt. Das liegt daran, dass bei Sex und Ejakulation Neurotransmitter, die sogenannten Endorphine, und körpereigene Hormone wie Dopamin, das „Glückshormon“, oder Oxytocin, das „Bindungshormon“ ausgeschüttet werden. Offensichtlich wird bei der Ejakulation auch Sperma ausgespült, wodurch mögliche Krankheitserreger entfernt werden können.
Medizinisch gesehen ist die Ejakulation ein relativ komplexer, zweistufiger Prozess. Zuerst wird die Samenflüssigkeit in die hintere Harnröhre bewegt und dann im zweiten Schritt aus der Harnröhre ausgestoßen. Um diese Prozesse zu koordinieren, müssen das sympathische Nervensystem (steuert Kampf-oder-Flucht-Reflexe) und das parasympathische Nervensystem (steuert autonome Körperfunktionen, fördert Ruhe und Verdauung) eng zusammenarbeiten.
Sexuelle Befriedigung wirkt sich auf den Körper und die Psyche aus. Entsprechend kann regelmäßiges Ejakulieren in verschiedener Weise die Gesundheit unterstützen. Unter anderem, indem es
Hat die Ejakulation neben den positiven Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Gesamtgesundheit auch handfeste gesundheitliche Vorteile? Und hängen diese vielleicht damit zusammen, wie häufig ein Mann einen Samenerguss hat? Dieser Frage sind Wissenschaftler:innen der Harvard und der Boston University nachgegangen. In einer 2016 veröffentlichten Langzeitbeobachtungsstudie1 (prospektive Kohortenstudie) untersuchten sie mehr als 31.000 Männer über einen Zeitraum von 18 Jahren und analysierten den Zusammenhang zwischen der durchschnittlichen, von den Teilnehmern selbst angegebenen Häufigkeit der monatlichen Ejakulationen und dem späteren Risiko für eine Prostatakrebserkrankung. Die Forscher:innen unterschieden dabei zwischen verschiedenen Altersgruppen: 20-29 und 40-49 Jahren.
Das Ergebnis:
Die Einschränkung:
Es scheint also einen Einfluss der Ejakulationshäufigkeit auf das Risiko für langsam wachsende Formen von Prostatakrebs zu geben. Die genauen Zusammenhänge sind jedoch noch nicht hinreichend geklärt. Bislang gibt es nur verschiedene Hypothesen, inwiefern eine häufigere Ejakulation Prostatakrebs vorbeugen könnte:
Die Zellteilungs-Hypothese5 sieht einen möglichen Zusammenhang zwischen Ejakulationsfrequenz und einer Verringerung psychischer Anspannung sowie einer Beruhigung des sympathischen Nervensystems – beides könnte die Zellteilung in der Prostata verringern und somit der Entstehung von Krebs vorbeugen.
Was heißt das nun? 5, 10, 15, 20 oder mehr Samenergüsse pro Monat? Wie oft sollte man ejakulieren für eine gesunde Prostata? Auch wenn die oben aufgeführten Studienergebnisse zu dem Schluss führen können, dass öfter gesünder ist, gibt es keine allgemeingültige Empfehlung, wie oft ein Mann ejakulieren sollte. Sexuelle Bedürfnisse sind ebenso individuell wie gesundheitliche Faktoren. Es gibt kein „zu viel“ oder „zu wenig“ und schon gar keine zahlenmäßigen Leistungsparameter, die es zu erreichen gilt. Am besten hörst Du auf Deinen Körper und folgst Deinen eigenen Bedürfnissen. Denn was im Bereich der Sexualität in jedem Fall schaden kann, sind Zwanghaftigkeit und Leistungsdenken.
Die sexuellen Bedürfnisse können, müssen sich aber nicht zwangsläufig mit dem Alter verändern. Die oben genannte Studie1 stellte auch fest: Die Ejakulationshäufigkeit nahm bei den Teilnehmern im Durchschnitt mit dem Alter ab. Während der Anteil der Männer, die angaben, häufiger als 13-mal im Monat einen Samenerguss zu haben, bei den 20- bis 29-Jährigen 57 Prozent betrug, waren es bei den 40- bis 49-Jährigen nur noch rund 32 Prozent. Dennoch gibt es viele Männer, die auch im Alter sexuell noch sehr aktiv sind.
Ob Du durch Selbstbefriedigung oder beim Sex mit der Partnerin oder dem Partner zum Samenerguss kommst, ist für die gesundheitlichen Vorteile unerheblich. Selbstbefriedigung ist ein ganz normaler Teil eines gesunden Sexuallebens und gehört bereits in der Pubertät zu einer gesunden sexuellen Entwicklung dazu.
Wie häufig Du Dich selbst befriedigst, ist dabei ganz allein Deine Sache. Es gibt keine festgelegte „normale“ oder „gesunde“ Häufigkeit. Ob 1-mal pro Woche, mehrmals täglich oder nur 1-mal im Monat – wichtig ist, dass Du Deinem natürlichen Bedürfnis folgst und nicht krampfhaft versuchst, ein von außen definiertes Ziel zu erreichen.
Ungesund kann Selbstbefriedigung dann werden, wenn sie einen zwanghaften Charakter annimmt. Also zum Beispiel, wenn eine Person andere Lebensbereiche vernachlässigt, um ihren sexuellen Bedürfnissen nachzukommen. Dies kann auf eine sexuelle Funktionsstörung und eventuell eine Suchterkrankung hindeuten. Genauso können eine strikte Enthaltsamkeit und zwanghafte Unterdrückung von sexuellen Bedürfnissen ein Hinweis auf eine sexuelle Funktionsstörung sein.
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