Telemedizin

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Autor: Tabea Lange

Medizinisch geprüft von: Dr. med. Johannes von Büren und Ramin Shafii

Telemedizin auf dem Vormarsch:
Doch wer trägt die Kosten?

Die Kosten für telemedizinische Dienstleistungen werden von den Patienten sowie von privaten und gesetzlichen Krankenkassen getragen. Dabei profitieren die Kostenträger von den Möglichkeiten, welche die Telemedizin bietet: So kann die Telemedizin helfen, funktionale und emotionale Barrieren der Patienten zu überwinden. Gleichzeitig können durch telemedizinische Anwendungen die Kosten im Gesundheitswesen nachhaltig gesenkt und somit die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung verbessert werden. Trotz solcher Aussichten hakt die Entfaltung der Telemedizin noch an einigen Stellen - unter anderem an den Kostenträgern selbst. Grund dafür sind ungeklärte oder für andere Interessengruppen unbefriedigend geregelte Finanzierungsfragen sowie Grenzen in der Anwendung der Telemedizin.

Patienten: Konsumenten und Kostenträger der Telemedizin

Wie hängen die Patienten mit der Telemedizin zusammen?

Patienten sind in erster Linie die Verbraucher telemedizinischer Anwendungen. Unter diese Anwendungen fallen Dienstleistungen wie Telemonitoring, also die dauerhafte Überwachung spezieller Vitalparameter, oder Telekonsultation, also eine Diagnosestellung, eine Beratung oder eine Therapieempfehlung durch einen Arzt aus der Ferne.Da die Patienten die Verbraucher bzw. Konsumenten der Telemedizin sind, tragen sie auch die Kosten für die entsprechenden Dienstleistungen. Diese werden entweder von den Patienten selbst oder von deren Krankenkasse bezahlt. Das ist abhängig von bestimmten Bedingungen (siehe Krankenkassen).

Welche Vorteile bietet die Telemedizin den Patienten?

Die Telemedizin bietet den Patienten neue Möglichkeiten, welche deren medizinische Versorgung vereinfachen, beschleunigen und verbessern können:

  • emotionale Barrieren (z.B. Schamgefühle bei sexuellen Funktionsstörungen oder psychischen Erkrankungen) werden überwunden

  • Patienten haben einen einfachen und unkomplizierten Zugang auf die eigenen Daten

  • kritische Vitalparameter der Patienten (z. B. Blutdruck) können durch Telemonitoring-Verfahren intensiv überwacht werden
    ➜ verbessertes Monitoring chronisch Kranker

  • Patienten können ein Gespräch, eine Beratung, eine Diagnosestellung und eine Therapieempfehlung durch einen Arzt erhalten, ohne persönlichen bei ihm zu erscheinen (z. B. per Video-Sprechstunde)
    ➜ schnellere Terminvereinbarung, insbesondere bei Fachärzten
    ➜ geringere Warte- und Wegzeiten
    ➜ keine Ansteckungsgefahr in Wartezimmern

  • infrastrukturellen Nachteile ländlicher Regionen (z.B. geringere Arztdichte, schlechte Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr) werden ausgeglichen

  • Verbesserte Vor- und Nachsorge (z.B. durch Apps)

An welche Grenzen stoßen die Patienten?

Im Gesundheitswesen ist der Konsumentenschutz von sehr großem Wert. So achten spezielle Patienten-Vereine und -Verbände darauf, dass auch während telemedizinischer Anwendungen das Wohl des Patienten an oberster Stelle steht. Dabei könnten folgende Aspekte mit dem Patientenschutz in Konflikt geraten und Risiken für die Patienten darstellen:

  • unter schlechten Bedingungen, z.B. bei einer schlechten Internetverbindung, steigt die Gefahr von Fehldiagnosen

  • das Recht der Patienten auf Datenschutz und Verschwiegenheit ist in der Telemedizin schwer einzuhalten und steht mit den Möglichkeiten der Telemedizin, wie dem Wissensaustausch zwischen Fachärzten, in Konflikt

  • das Recht auf Aufklärung durch den Arzt, zum Beispiel über die Risiken und Grenzen einer telemedizinischen Diagnosestellung, ist unbedingt einzuhalten

  • die Möglichkeiten der Telemedizin sind begrenzt, z.B. ist die telemedizinische Ursachenfindung von Erektionsstörungen eingeschränkt, da dafür Blutuntersuchungen oder Untersuchung mit dem Ultraschallgerät nötig sind

  • die persönliche Arzt-Patienten-Beziehung, welche besonders für die Behandlung von psychischen Erkrankungen relevant ist, ist beeinträchtigt

  • die Telemedizin schafft neue Ungleichheiten, zum Beispiel für Patienten…
    ➜ … mit schlechter Internetverbindung in ländlichen Regionen
    ➜ … ohne technische Grundkenntnisse und Ausstattungen

Krankenkassen: Kostenträger telemedizinischer Dienstleistungen

Wie hängen die Krankenkassen mit der Telemedizin zusammen?

Zum aktuellen Zeitpunkt gelten sowohl gesetzliche als auch private Krankenkassen als Kostenträger für telemedizinische Dienstleistungen. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten für die telemedizinischen Anwendungen jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen:

✔ Wenn es sich bei dem telemedizinischen Arzttermin um die Nachsorge bei festgelegten Indikationen handelt
✔ wenn sich der Patient bereits persönlich in der jeweiligen Praxis vorgestellt hat
✔ wenn die Anwendung im Leistungskatalog der Krankenkassen enthalten ist 

Wenn diese Kriterien nicht erfüllt sind, muss der Patient selbst für die telemedizinische Dienstleistung aufkommen - es sei denn, er ist privat versichert. Dann kann nämlich (je nach Versicherung) auch unter Bedingungen, die von den oben genannten Voraussetzungen abweichen, mit einer partiellen Kostenübernahme gerechnet werden. Maßgeblich können hier spezielle Selektivverträge sein, über die sich die Krankenkassen an vielversprechenden telemedizinischen Projekten erproben können. Ein Beispiel dafür ist das Startup Selfapy, das mit 16 Krankenkassen über Selektivverträge kooperiert. Hier können Patienten mit Depressionen, Burnout, Angst- oder Essstörungen per App an verhaltenstherapeutischen Online-Kursen teilnehmen.

Ein für die Kostenträger revolutionäres Gesetz ist das “Gesetz für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation“ (Digitale-Versorgung-Gesetz, DVG), welches 2019 vom deutschen Bundestag verabschiedet wurde. Dieses Gesetz ermöglicht den Versicherten einen geregelten Anspruch auf die Verschreibung und Kostenerstattung telemedizinischer Gesundheitsanwendungen - zum Beispiel Apps auf Rezept. Die Voraussetzungen für die Kostenübernahme durch die Krankenversicherung sind dabei, dass die entsprechende telemedizinische Gesundheitsanwendung positive Versorgungseffekte hervorbringt und die Prüfkriterien des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte erfüllt. Durch dieses Gesetz können die Krankenkassen den Versicherten ein deutlich breiteres Leistungsspektrum anbieten.

Die Krankenversicherungen finanzieren jedoch nicht nur die aktuell möglichen telemedizinischen Anwendungen - sie stecken auch eine Menge Geld und Arbeit in neue telemedizinische Projekte. So hat sich eine Reihe von Krankenkassen des Themas Telemedizin und E-Health angenommen und verschiedene Versorgungskonzepte im Rahmen wettbewerblicher Vertragsmodelle aufgestellt und erprobt. Bei der Evaluation solcher Projekte bewerten die Krankenkassen, welche telemedizinischen Anwendungen die Anforderungen zur Aufnahme in die Regelversorgung erfüllen. Auch hier spielt das DVG eine sehr große Rolle: Das Gesetz spornt die Krankenkassen an, ihre digitalen Angebote weiterzuentwickeln und patientenorientiert in die Innovationskraft des Gesundheitssystems zu investieren. Entsprechend können die Krankenkassen selbst digitale Produkte entwickeln und somit die Rolle des Herstellers einnehmen.

Welche Vorteile bietet die Telemedizin den Krankenkassen?

Durch die Telemedizin werden die Prozesse im Gesundheitswesen effizienter und die Kosten gleichzeitig geringer. Gründe dafür sind zum Beispiel:

  • erleichterter Datenaustausch zwischen Ärzten, Praxen, Krankenhäusern und Krankenversicherungen und somit z.B. die Möglichkeit der Vermeidung unnötiger wiederholter Tests

  • Frühzeitiges Erkennen und Einleiten von Therapiemaßnahmen; Prävention akuter Verschlechterungen

  • Reduktion von stationären Krankenhausaufnahmen; Reduktion der Liege- und Verweildauer

Da durch eben solche Vorteile Einsparungen im Vergleich zur Regelversorgung entstehen, kann man von einer verbesserten Wirtschaftlichkeit für die Kostenträger sprechen. Diese Wirtschaftlichkeit konnte in einer Studie der medizinischen Universitätsklinik Heidelberg nachgewiesen werden. Hier wurden Patienten mit schwerer chronischer Herzinsuffizienz zu Hause telemedizinisch überwacht und beanspruchten infolge seltener den Notarzt und mussten seltener ins Krankenhaus. Daraus ergab sich eine jährliche
Kosteneinsparung von rund 3.000 € pro Patient¹.

Zusätzlich zu diesen wirtschaftlichen Chancen, haben die Krankenversicherungen dank der Telemedizin die Möglichkeit, ihre Patienten bei Versicherungsabschluss anhand der vorhandenen Daten besser einzuschätzen. Dadurch können die Krankenversicherungen die Beitragssätze individuell an die jeweiligen Patienten und dessen voraussichtlichen Kosten anpassen.

An welche Grenzen stoßen die Krankenkassen?

Es ist noch nicht ausreichend erforscht, welche telemedizinischen Leistungen wirklich einen wirtschaftlichen Vorteil gegenüber der Regelversorgung erbringen. Entsprechend ist es für Krankenversicherungen eine Herausforderung, zu entscheiden, welche Leistungen übernommen werden und für welche der Patient selbst aufkommen muss. Das DVG bietet hierfür eine Lösung: Nachdem eine telemedizinische Gesundheitsanwendung - zum Beispiel eine App - vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte auf Sicherheit, Funktionsfähigkeit, Qualität, Datensicherheit und Datenschutz geprüft wurde, wird dessen Nutzung für ein Jahr vorläufig von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen. In dieser Zeitspanne ist der Hersteller verpflichtet, einen positiven Versorgungseffekt nachzuweisen - nur dann geht die telemedizinische Gesundheitsanwendung in die Regelversorgung der Krankenkassen ein. Positive Versorgungseffekte beinhalten medizinische und strukturverbessernde Effekte und müssen keine unabhängige Wirkung nachweisen. Kein Wunder, dass die Neuregelung der Erstattungsfähigkeit von digitalen Gesundheitsanwendungen jede Menge Kritik aufkommen lässt: So wird befürchtet, dass der reine Nachweis positiver Versorgungseffekte der Prüfung der unabhängigen Wirksamkeit - welche vor Verabschiedung des DVG vorausgesetzt wurde - unterlegen ist. Mit dem Paradigmenwechsel könnte es dabei zu Beeinträchtigungen des Patientenschutzes und der Qualitätssicherung der telemedizinischen Anwendungen kommen.

Zusätzlich besteht das Risiko, dass Patienten häufiger einen Arzt oder Facharzt aufsuchen, wenn sie die Möglichkeiten der Telemedizin haben. Unter diesen Umständen könnte es für die Krankenversicherung zu noch höheren Kosten kommen. Diesem Risiko kann jedoch mit Pauschalen, etwa mit einer gesonderten Pauschale für telemedizinische Anwendungen, entgegengewirkt werden. Erstrebenswert wäre dabei eine transparente und patientenbezogene Vergütung. Die Gelder der Versicherten sollten dabei gut angelegt und investiert werden und so einen maximalen Nutzen für sie einbringen.

Quellen

¹https://www.klinikum.uni-heidelberg.de